Torsten Scholz
Meine musikalische Sozialisation

"Endlich wird es dunkel in der Halle, schemenhafte Bewegungen auf der Bühne, Lichtblitze zucken über die Szene, der Mob tobt."

So war es zu lesen kürzlich in der Rezension über ein Rockkonzert in Hamburg.

Was sagt uns das? Es sagt: In unseren Tagen wird Musik über das Auge konsumiert. Wie (nicht nur) ich meine, viel zu sehr. Ob nun über die erwähnten Lichtblitzgewitter, ob über gigantische Videowände, über synchron choreographierte Bewegungsabläufe oder gestelzte einzelne Gliedmaßen-Zuckungen, ob über immer verwegenere Haartrachten und mehr oder weniger sparsame Hautbedeckungen oder Hautbemalungen - das Auge nimmt die Musik auf, weniger das Ohr. Schaut mal den Eurovision Song Contest an! Das ist eine Licht- und Tanzshow.

Wird Konserven-Musik über das Medium Fernsehen (-sehen!) transportiert, so dürfen per Video-Schnipsel abgeflitterte Augenreize nicht mehr fehlen. Möglichst in so schneller Folge, dass der Betrachter keine Chance hat, ein Bild aufzunehmen, bevor schon das nächste über den Bildschirm huscht.

Doch steigen wir an dieser Stelle nicht in eine soziologische Betrachtung der Rolle von Musik in westlichen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften ein. Ich will auf mein Credo hinaus! Und das lautet:

Durch das Auge kommt die Welt zum Menschen.
Durch das Ohr kommt der Mensch in die Welt.

Diese Formulierungen sind nicht von mir. Sie sind nur - mit dem "richtigen" Hintergrundwissen - sehr überzeugend. Ich habe sie u.a. einem Buch des "Jazz-Professors" Joachim-Ernst Behrend entnommen, das zu einer ganzen Reihe seiner Veröffentlichungen zählt, die sich mit dem Hören an sich beschäftigt. Als das zentrale Buch dieser Reihe darf wohl gewertet werden:

Nada Brahma - die Welt ist Klang

M. E. ein Buch jedes Literaturkanons. Liest man das und hört die Hörbeispiele, so wird deutlich: Unsere heutige Welt tut sich in Bezug auf soziale Kompetenzen, in Bezug auf Erhaltung von Frieden, angefangen von dem zwischen Mann und Frau bis hin zu Beziehungen zwischen Völkern und Nationen, keinen Gefallen mit der Überbetonung (ha: -betonung!) des Sehsinns.

Man muss nicht jedem Gedankenzweig Behrends folgen: Etwa dass die Transposition der Laufzeit elektromagnetischer Wellen von der Sonne bis zum Planeten Erde in eine in den hörbaren Bereich oktavierte Schallwelle den "Sonnenton" "D" ergebe, oder dass eine ähnliche Transposition der Erdumdrehungszeit den "Erdton" "G" ergebe, der als solcher, eben als "Erdton" schon lange von tibetanischen Mönchen und asiatischen Weisheitslehren verehrt werde.

Aber es werden uns doch schon die Augen geöffnet (Augen geöffnet!), dass wir den an sich biologisch-physikalisch weit überlegenen Hör-Sinn nicht (mehr) angemessen in unsere Sinneserfahrungen einbeziehen.

Ich kann das Nachlesen dieses Buches des in der Nachkriegs-Radio- und Jazzwelt weltweit geachteten Gelehrten nur empfehlen! Übrigens: Ganz aktuell zeigen Forschungen und Erkenntnisse von Neurobiologen ganz ähnliche Ergebnisse, was die unglaublichen Fähigkeiten des Hörsinnes betrifft (Beispiel: Prof. Dr. Manfred Spitzer: "Musik im Kopf").

Aber zurück zu "meiner" Musik. Wir "aufgeklärten" Westler ("aufgeklärt" historisch gemeint) sind ja im besonderen Maße auf "harmonische" Strukturen in unserer Musik angelegt, anders als viele asiatische, vorderasiatische oder arabische Musiktraditionen, welche eher als monotone Melodiebögen angelegt sind (monoton: nicht durch übereinander geschichtete Terzen harmonisiert). Was hat das mit "meiner" Musik zu tun? Nun, es hat mich schon zur Schulzeit in den freiwilligen mathematischen und physikalischen Arbeitsgemeinschaften eines ansonsten altsprachlichen Gymnasiums fasziniert, wie "harmonisch" unsere erfahrbare Welt aufgebaut ist. Damals (Abi 1967) noch dem Rutherford'schen Atommodell verhaftet, aber schon von Planck'schen Wirkungs­quanten beeinflusst, haben wir z.B. errechnet, dass Elektronenbahnen um Atomkerne immer nur in solchen Radien existieren, wie sie erlauben, dass die jeweiligen Umfänge ihrer Bahnen einem ganzzahligen Vielfachen ihrer Schwingungs-Frequenz (Doppelnatur Materie-Energie!!) entsprechen! Und darüber hinaus, noch verwunderlicher: Bahnen-Radien im Vergleich zueinander entsprechen den gleichen ganzzahligen Verhältnissen wie es Oktaven, Quinten, Terzen, Quarten, Septimen, Sexten und Nonen in der Musik tun, eben denjenigen Intervallen, die wir rationalen Menschen des Abendlandes als harmonisch empfinden. Und nicht nur wir: Es ist sicher kein Zufall, dass viele über den Erdball verstreut lebenden Naturvölker in ihren Gesängen exakt dieselbe Tonleiter benutzen, die uns als Dur-Tonleiter, bzw. zugehörige Kirchentonarten in die Wiege gelegt ist. Und diese Naturvölker haben gewiss keine wissenschaftlichen Studien angelegt über die Aufteilung eines Oktav-Tonraumes in 11 gleiche Teile (Intervalle), welche 12 Töne ergeben, aus denen viele Musikstile dann 7 Töne herausnehmen, um Musik zu gestalten.

Im Aufbau der uns bekannten Natur vom kleinsten Atom-Baustein (Atom: Eigentlich griechisch a-tomos = unteilbar. Atom: Also nur noch ein allgemein eingeführter Begriff ohne physikalischen Wahrheitsgehalt) bis zu Galaxie-Gruppen im All: Alles Existierende weist eine Eigenschaft auf:

Schwingung.

Schwingung ist Klang.

Klang ist Natur.

Nada Brahma.

"Im Märzen der Bauer die Pferde anspannt..." oder die Rondo-Form haben mich im Musikunterricht der Schule noch nicht so fasziniert. Begeisterung kam erstmalig auf - so die Erinnerung - bei Schallplattentiteln meines Vaters (45er Scheiben seinerzeit) wie:
- Chi Chi
- Tequila
- Um nur zwei zu nennen.

Perez Prado, Sidney Bechet, Benny Goodman, Billy Vaughn, Acker Bilk, u.a. das waren die frühen Helden für mich, noch im vor-pubertären Alter.

Als dann Petticoats wippten, Frauen sich einen Cowboy oder kleine Italiener wünschten, knallrote Gummiboote besungen wurden und übriggebliebene Männer sich politisch korrekt und unproblematisch nach Signoritas aus Südamerika sehnten, da zuckten meine Finger immer noch nicht angesichts eines Musikinstrumentes. Noch nicht einmal bei den ersten Klängen der Beatles und Rolling Stones, Joan Baez oder Bob Dylan zuckte es. Ich war blockiert. In der Rückschau von heute mussten einige Traumati­sierungen und Blockaden überwunden werden. Der Vater, in Kiel ausgebombt, hatte im Krieg U-Boote und Schnellboote konstruiert, nach dem Krieg aber große Schwierigkeiten, wieder Arbeit zu finden. Die Mutter, als Flüchtling auf dem Lande lebend (u.a. in Ulsnis, wo ich heute wohne) musste sich das Allernotwendigste zum Leben meist auf langen Fußmärschen "organisieren". Der Bruder passte derweil auf mich auf. Keine Atmosphäre zu ausgedehnten Unternehmungen zur Erkennung von Motivationen und eventuellen Begabungen wie Jazzdance, Tennis, Jüngsten-Musikschule und ähnlichem. Mein Vater, begabt als Segler und Akkordeon-Spieler, hat seine Passionen nach der wirtschaftlichen Erholung lange nach dem Krieg nie wieder belebt. Meine Mutter, begabt als Malerin, Seglerin und Akkordeon-Spielerin, habe ich bis zum Ende der Schulzeit nie mehr gesehen, denn die Eltern hatten sich getrennt, als ich noch keine zwei war. Die Mutter hat die Geschwister in eine neue Ehe mitgenommen, der kleinste (ich) blieb beim arbeitslosen Vater. Viel Raum für Ängste und Blockaden.

Musik war immer noch nicht das beflügelnde Element der Lebensgestaltung, als ich nach Kindheit in einer weitestgehend von Familienbanden isoliert lebenden Kleinstfamilie Vater-Stiefmutter-Kind berufliche Sicherheit anstrebte und schließlich auch erfuhr. Segeln entwickelte sich als erste große "Leidenschaft" (neben Beruf und später Familie) und hielt mich für Jahrzehnte im Bann, bevor dann endlich - im letzten Drittel einer halbwegs erfolgreichen Laufbahn, die mir alle frühen Sorgen, Blockierungen, Lebensängste abgenommen hat - der immerwährende Hang zur Musik endlich zum Durchbruch kam und meinem Leben eine Zäsur-hafte Wende bescherte, zufällig fast gleichzeitig mit der politischen Wende 1989.

Und da stehe ich jetzt - spanisch-portugiesische Klänge im geistigen Ohr, rhythmisch den afroamerikanischen Synkopen nachschwingend - und arbeite daran, mit alt gewordenen, nicht mehr so flinken Fingern die im Kopf schwebenden Klänge auf das Griffbrett der Gitarre und zum Klingen zu bringen.

Bob Dylan- und Leonard Cohen-Songs setzten alles in Bewegung! Eine Bebop-Band mit ersten Jazz-Akkorden erwuchs daraus, was wiederum den Weg in die Bigband bereitet hat. Jetzt geht der Weg zurück zum Solo-Spiel, aber mit eher Jazz-verwandten Stilen, z.B. Bossa Nova!

Welche Klänge aber es immer auch sind, die ich in mein Ohr lasse:
Immer bewirken sie für mich eine fast völlige Loslösung von abstrakter Welt, von gedanklichem Problem-verhaftet-Sein! Sie bewirken ein Eintauchen in Natur, noch mehr: Ein Verwoben Sein und Mitschwingen mit und in Natur.

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